In der Werbung werden uns vielfach „Märchen“ erzählt: Zu der Wirkweise von kosmetischen Produkten, den Umweltauswirkungen oder zu der edlen Herkunft der Inhaltsstoffe. Das hat den einfachen Grund; Wir als Verbraucherinnen wollen uns wohl fühlen, wenn wir Kosmetika verwenden. Und das weiß auch die „Industrie“.
Heute möchte ich mit Euch auf dem Rohstoff Jojobaöl schauen, der in vielen kosmetischen Cremes, Lippenstiften, Haarpflegeprodukten usw. eingesetzt wird. Ihm haftet der Ruf an, ein Ersatzprodukt für Walrat zu sein.
Die Message, die wir Verwenderinnen bekommen sollen: Edle Herkunft, verhindert das Abschlachten der Meeressäuger. Wir retten die Wale!
Echt jetzt?
Wale – der Geist in den Wassern
Wenn Seefahrer früher über die Meere segelten, waren Wale und Delfine ihre Begleiter. Wale zeigten den Polynesiern den Weg nach Aotearoa (Land der großen weißen Wolke)und ein Wal rettete Jonas. In verschiedenen Mythologien spielen sie eine Rolle zB als Leviathan als Symbol für Urkräfte und die göttliche Macht über das Unbeherrschbare (Altes Testament).
Wale sind sehr soziale Wesen und handeln koordiniert. Über weite Entfernungen hinweg kommunizieren sie mit den sogenannten Walgesängen. Sie sind Säugetiere und verfügen über etwas, was wir Menschen Intelligenz nennen. Wale verfügen über verschiedene Jagdtechniken, einige nutzen dafür sie ein hochausgebildetes Sonar.
Diese Zwischenüberschrift ist auch der Titel eines Buches, das 1982 bei dem Verlag Zweitausendeins erhältlich war. Ein Buch zu Ehren des Bewußtseins der Wale und Delphine. Es ist seit dem in meinem Besitz und ich nehme es in unterschiedlich großen Abständen in die Hände, um nachzulesen. Das Buch erschien als endlich nach langen Verhandlungen ein Walfangmoratorium verabschiedet werden sollte. Die verschiedenen Autoren betrachten die Wale aus unterschiedlichen Perspektiven aber immer mit dem Aspekt, dass wir es bei diesen Meeressäugern mit hochintelligenten und sozialen Tieren zu tun haben, die sich perfekt an ein Leben im Wasser angepasst haben.

Der industrielle Walfang– ein dunkles Kapitel der Menschheit
Der industrielle Walfang (und der Walfang überhaupt) ist aus meiner Sicht eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit. Dabei suggeriert alleine das Wort, es wäre eine Fangmethode, dabei war es ein großangelegter Genozid.
Der industrielle Walfang hatte seine kommerzielle Bedeutung von etwa 1700 bis zu Beginn des 20 Jahrhunderts. In diesen drei Jahrhunderten wurden die Bestände von Pottwalen, Blauwalen und Finnwalen fast vollständig vernichtet. Größte Walfangnation waren zu der Zeit die US Amerikaner, aber auch heute noch ist es unmöglich, den Walfang zu verbieten, insbesondere weigern sich Japan und Norwegen. Insgesamt, so wird geschätzt sind über 3 Millionen Individuen umgebracht worden.
Sie endeten als:
- Parfüm – Ambergris
- Korsetts/Regenschirme – Barten
- Nahrungsmittel – Fleisch
- Werkzeuge, Schmuck – Knochen/ Zähne
- Öle – Speck /Fett
- Schmiermittel – Walöl (Tran)
- Kerzen, Kosmetik, Salben – Walrat (Spermaceti) aus dem Kopf des Pottwals
Es ist nicht auszudenken, welchen Blutzoll die Ausbeutung der Wale heutzutage gefordert hätte, denn um 1800 hatte die Weltbevölkerung gerade mal die 1 Millarde Marke überschritten.
Jojobaöl als Ersatzstoff?
Jojobaöl wird gerne als pflanzlicher Ersatz für Walrat angepriesen. Die Evaluierung fand über mehrere Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts statt und fand in den 1980iger Jahren seinen Abschluß. Das lag aber weniger daran, dass der Walfang aus ethischen Gründen aufgegeben wurde, sondern, dass man die Spezies fast vollständig ausgerottet hatte. Ein wichtiges Produkt des Walrat – Spermaceti Wachse – wurde schon vorher durch Cetylpalmitat ersetzt.
- 1933–1940: Erste wissenschaftliche Untersuchungen zur chemischen Ähnlichkeit.
- 1950er–1970er: Jojobaöl etabliert sich als Ersatzstoff in Pharmazie & Kosmetik.
- 1980er nach Walfangmoratorium : Jojobaöl wird weltweit zur bevorzugten nachhaltigen Alternative.
Damit gilt Jojobaöl als historischer und chemischer Nachfolger der Spermaceti-Industrie. Heute ist es in der Regel zusätzlich bio-zertifiziert und gilt als biologisch gut abbaubar. Häufig wird es auch als vegan und glutenfrei gelabelt, was eigentlich unsinnig ist, da es keinen Einsatz in Lebensmitteln findet.
Jojobaöl ist anders als andere Pflanzenöle
Jojobaöl wird aus den Früchten de Jojobastrauches durch Kaltpressung gewonnen. Die Jojobapflanze ist heimisch in den trockenen, warmen Regionen des südwestlichen Teils der USA und im Norden Mexikos. Sein Anbau findet zunehmend in anderen Regionen statt, wie Argentinien, Peru, Israel und Australien. Das Öl hat eine klare hellgelbe Farbe und ist auch bio-zertifiziert erhältlich. Es ist im Vergleich zu anderen Pflanzenölen gut beständig gegen Oxidation.
Während aber die Öle anderer Pflanzen aus Triglyceriden zusammengesetzt sind, sind es beim Jojobaöl einfache Ester langkettiger, einfach ungesättigter Fettsäuren. Diese Fettsäuren haben mehrere Besonderheiten. Zum einen die vergleichsweise lange Kohlenstoffkette und uzum anderen eine Doppelbindung in omega-9 Position: Eicos-11-enonsäure (C20), Docos-13-enonsäure (C22) und Tetracos-15-enonsäure (C 24). Diese drei Säuren liegen zu 71,3, 13,6 bzw 1,3 Prozent vor.
In deutlich geringeren Mengen als in anderen natürlichen Ölen sind Flavonoide, Sterole und fettlösliche Vitamine enthalten.

Seine besondere Chemie macht das Öl auch interessant für die Hydrogenierung, mittels derer feste Produkte erhalten werden, die sich zB in Peelings einsetzen lassen. Mittels Fraktionierung lassen sich unterschiedliche Fraktionen des (hydrogenierten) Öls gewinnen, die dann als Butter mit unterschiedlichen Schmelzpunkten vertrieben werden.
Für die menschliche Ernährung ist Jojobaöl und derartige Art Ester generell ungeeignet, da sie nicht verdaut werden können und damit zu Durchfall führen. Derartige Öle finden sich auch in einigen Fischsorten, der Butterfisch ist dafür bekannt.
Ist Jojobaöl ein Wachs?
Als Wachse werden Stoffe bezeichnet, die sich durch ihre mechanisch-physikalischen Eigenschaften beschreiben lassen. Ihre chemischen Zusammensetzung und Herkunft sind hingegen sekundär.
Typisch für Wachse ist, dass sie nicht nur aus einer Vielzahl analoger bzw. ähnlicher chemisch definierter Verbindungen bestehen, sondern vielfach auch Bestandteile mehrerer Stoffklassen nebeneinander enthalten.
Typische Hauptkomponenten sind Ester höherer Fettsäuren mit ebenfalls höheren primären Alkoholen. In Naturprodukten kommen weiterhin freie Säuren, Ketone und Alkohole vor. Bekannte natürliche Wachse sind Bienenwachs, Wollwachs oder Carnaubawachs, allerdings kennen wir auch Paraffinwachse (aus Erdöl) und synthetische Wachse.
Wachse sind bei Raumtemperatur knetbar und unter leichtem Druck polierbar. Sie sind fest bis brüchig hart und weisen eine grobe bis feinkristalline Struktur auf. Farblich sind sie durchscheinend bis opak, aber nicht glasartig. Ein Wachs schmilzt bei über 40 °C und weist eine stark temperaturabhängige Konsistenz und Löslichkeit auf.
Legt man diese Definition zu Grunde, ist Jojobaöl eigentlich nur aufgrund der chemischen Zusammensetzung ein Wachs, nicht wegen der mechanischen Eigenschaften.
Während Wachse in der Kosmetik häufig als Strukturgeber eingesetzt werden (zB Lippenstifte), ist das Einsatzprofil von Jojobaöl deutlich weiter.
Es weist ein gutes, wenig fettiges Hautgefühl auf und eignet sich dadurch als Trägersubstanz für verschiedene kosmetische Wirkstoffe:
- Lipophile Vitamine
- Barrierelipide, besonders Ceramide
- Ätherische Öle und Duftkomponenten
- organische UV Filter
- Pigmente und Farbstoffe
- Antioxidantien
- Hydrophopbe Wirkstoffe in Emulsionen
Einschätzung von Jojobaöl als kosmetischer Rohstoff
Jojobaöl ist ein nachwachsender Rohstoff aus dem Pflanzenreich. Seine Zusammensetzung macht ihn geeignet für elegante kosmetische Formulierungen, in die wichtige Wirkstoffe eingearbeitet werden können. Seine Herkunft macht ihn geeignet für Rezepturen, die als Naturkosmetik vermarktet werden können. Eines ist es aber gewiß nicht: ein Rohstoff, der als Ersatz für Walrat gelten kann. Auch, wenn die Literatur dies nahe zu legen versucht.
Wir Verwenderinnen sollten deswegen kritisch auf gewisse „Wirkversprechen“ schauen und uns auch fragen, ob einige Verfahrensweisen, die wir als unabänderbar hinnehmen, das tatsächlich sind. Das gilt übrigens nicht allein für die Kosmetik. Tierversuche lassen sich heute durch in vitro Verfahren ersetzen ; Fleisch ist kein unverzichtbarer Bestandteil der Ernährung und erneuerbare Energien (Wärmepumpe) sind kostengünstiger als Gasheizungen.
Wale hingegen sind ein unverzichtbarer Bestandteil eines intakten Ökosystems Meer.
Bildnachweis:
Titelbild fotografiert in der Ausstellung „Tierische Typen“ (3.9.23-1.12.24) im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg. 12.5.2024

