Nivea Men Climate Care

Die Männer haben‘s nicht leicht. Schon gar nicht in der Hautpflege. Dort sind die Schlagworte: “sensitiv”, “extreme wild”, “Sport” und “active Energy”. So könnte auch ein Profil bei Tinder aussehen, oder? Männer sollen nicht nur gepflegt sein, sondern auch ihr Haar „craften“ und dann dürfen sie auch schon mal „menmalist“ auftreten. Eines aber durften sie bisher nicht, sich um den Klimawandel kümmern. Das ist jetzt anders. Mit Nivea Men Feuchtigkeitspflege geht das. Und ja, ganz im Sinne der vermeintlichen Technik-Verliebtheit von Männern funktioniert das mit „carbon capture“: Einer Technologie, mit der CO2 aus der Luft gebunden und als Rohstoff verfügbar gemacht wird! Dafür schwärmt übrigens auch Bill Gates.

Abbildung 1: Screenshot der linkedIn Ankündigung von Beiersdorf am 16.8.2022. Hier wird sehr vollmundig über das “disruptive” Projekt und einen “groundbreaking” Produkt-Launch gesprochen. Dieser soll ab August 2022 in den Regalen des Einzelhandels verfügbar sein.

Echt jetzt? Kein Greenwashing?

In der Welt der großen Konzerne macht man das ja gerne: Kleine Beteiligungen zu riesigen Blasen aufpusten und damit sein Engagement im Gemeinwohl oder einfach die Tätigkeiten nach ESG Kriterien zu verkaufen. Siehe auch hier .
Hautpflege ist da ein schwieriges Terrain. Während man bei der weiblichen Kundschaft mit „vegan“, „Silikon frei“ oder „ohne Mikroplastik“ punkten kann, ist eine technologische Lösung schwieriger unters Volk zu bringen. Pflege und Technik schließen einander aus — außer vielleicht bei Männern.

Abbildung 2: Es kling fast zu gut, um wahr zu sein: “Mit einem Inhaltsstoff aus recyceltem CO2”. Deswegen auch die Fußnote, wie es gemacht wird und um welchen Inhaltsstoff es sich handelt.

In der Pressemeldung wirbt Beiersdorf klar mit recyceltem CO2, wow! Nur, in welchen Rohstoff wandeln sie es um? Dafür mußte ich nicht lange suchen, denn die Presse soll es ja auch wissen.

Es ist Ethanol. Alkohol. Arme Männer, dachte ich. Wird da wieder ein Klischee hervorgeholt? Von harten Kerlen, bei denen es nach der Rasur im Gesicht brennen muß?

Climate Care – Limited Edition oder Ladenhüter?

Wenn es also schon ein sooo tolles Produkt gibt, dann bitte wo? Ab Juli soll es im Handel als „limited edition“ erhältlich sein.

Abbildung 3: So sieht das Produkt aus. Feuchtigkeitspflege in der klassischen 100 ml Glasflasche, in der viele Männerprodukte der Serie Nivea Men verpackt sind. Quelle https://www.nivea.de/produkte/feuchtigkeitspflege-climate-care-40059009697500001.html

Mit dem Produktbild vor den Augen stöbere ich im Internet. DM-onlineshop, nichts; Amazon nada, flaconi – Null. Lediglich auf der Webseite von Nivea selbst kann ich das Produkt erhalten. 100 ml in einer Glasflasche für 5,99€.

Inhaltsstoffe: Aqua, Alcohol Denat., Glycerin, Distarch Phosphate, Ethylhexyl Cocoate, Aloe Barbadensis Leaf Juice Powder, Panthenol, Sorbitan Stearate, Dehydroxanthan Gum, Pantolactone, Citric Acid, Linalool, Limonene, Citronellol, Alpha-Isomethyl Ionone, Geraniol, Parfum.

Ich schätze den Gehalt an Alkohol auf 5 bis 10%, wobei 10% für eine Feuchtigketspflege schon recht viel wären und wahrscheinlich so viel, dass die MarketingstrategInnen nicht nur mit “einem Inhaltsstoff” aus CO2 werben würden. Sondern “10% der Formel aus recyceltem CO2” fett drauf schreiben würden.

Im Netz finde ich haufenweise schöne Bilder, aber nach einem bundesweiten roll-out sieht der Produkt-Launch überhaupt nicht aus. Wollen die Männer das gar nicht? Sollte einfach nur ein Ladenhüter aufgehübscht werden? Die Rezeptur der Feuchtigkeitspflege ist ja nicht wirklich neu. Neu sind lediglich die Ankündigungen von disruptiven Technologien und bahnbrechende, innovative, wegweisende Neulancierung eines Produktes. Nur, wo ist es?

Care beyond skin?

Das mit dem Klimawandel ist eine zu ernste Sache, als dass man eine gute Idee in schlechten Markenauftritten „verheizen“ sollte. Carbon capture ist eine gute Idee und wird in der Industrie stark verfolgt. Macht die Natur übrigens auch seit vielen Millionen Jahren #photosynthese.

Abbildung 4: Vergleich der Photosynthese mit der Carbon Capture Reaktion. Pflanzen, Algen und manche Bakterien können aus CO2 und Wasser mit Hilfe von Licht Sauerstoff und Glucose synthetisieren. Für die Carbon Capture Reaktion wird CO2 mit Wasserstoff umgesetzt, wofür in der Regel ein Katalysator nötig ist. Man erhält Ethanol und Wasser. Beiersdorf versucht nun in seinen Erklärungen zur Technologie, die Photosyntheseleistung “Fermentation” mit dem modernen Ausdruck carbon capture zu kombinieren. Das wird in der Wissenschaft häufig auch gemacht und nennt sich dann microalgae biorefinery.

Aber muß man kompliziert Ethanol gewinnen, um dann halbherzig ein Produkt zu bewerben, das offenbar keiner haben will? In den Ankündigungen wird vollmundig davon gesprochen, dass „climate care“ das Bestreben des Nivea Hauses sein soll. Ja, dann macht das doch! Vielleicht mit dem Recyceln Eurer Glasflaschen der Männer Serie? Mit dem Pflanzen eines Nivea Waldes, der auch carbon capture macht? Ideen gibt es sicherlich sehr viele. Das Klima und die Bemühungen darum spielen in der Pressemitteilung zur Halbjahresbilanz aber offenbar keine Rolle. Dort ist buisness as usual angesagt.

Und wie soll ich jetzt glauben, dass es ernst gemeint ist?

Credentials

Die Fonts fürs Titelbild sind über OnlineWebFonts <div>Font made from <a href=”http://www.onlinewebfonts.com”>oNline Web Fonts</a>is licensed by CC BY 3.0</div> und nivea-cufonfonts bezogen.
Abbildungen 1, 2 und 3 sind aus den verschiedenen Veröffentlichungen der Beiersdorf AG zu dem Produktlaunch der Feuchtigkeitspflege entnommen.
Titelbild eigenes Werk, verwendbar unter CC BY 3.0

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