Die Haut im Gleichgewicht halten: Nachhaltige Behandlungen und das Mikrobiom der Haut

Vortrag auf dem 7. Internationalen Symposium zur Korneotherapie 4. bis 6. Mai 2022 online, Dr. Ghita Lanzendörfer-Yu

Kosmetika haben das Ziel, die Haut gesund zu erhalten. Bisher sind viele wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt worden, um die Interaktion von kosmetischen Lipiden mit der Hautlipidbarriere zu ergründen und herauszufinden, wie Feuchtigkeitscremes die Haut in gutem Zustand halten. Aber in den meisten Fällen wissen wir gar nicht, wie kosmetische Produkte mit der Hautbarriere und speziell dem Mikrobiom der Haut wechselwirken. Im Gegenteil, wir kombinieren viele Produkte unterschiedlicher Kategorien, die regelmäßig mit unserer Haut in Kontakt kommen. Da wir diese Auswirkungen nicht wirklich messen können, gehen wir erstmal davon aus, dass keine gravierenden Veränderungen auftreten. Im Falle eines dysbalancierten Mikrobioms glauben wir, die verantwortlichen Mikrobenstämme zu kennen, und fragen uns, warum bestimmte Behandlungen nicht hilfreich sind.

Hier möchte ich etwas Licht in die schwer fassbaren Interaktionen unserer Bakterien-, Pilz- und Virengemeinschaften und ihre Veränderungen bei der Behandlung mit Kosmetika bringen. Und über das Gleichgewicht, in dem die verschiedenen mikrobiellen Partner unsere Haut gesund erhalten.

Wieviel hilft viel?

Viele Verbraucherinnen verwenden regelmäßig eine Vielzahl von Kosmetikprodukten. Einige von ihnen machen die Erfahrung, dass sich ihr Hautzustand nicht verbessert oder sogar verschlechtert. Diese Umstände werden oft als “empfindliche Haut” (1) bezeichnet und führen zu einer noch größeren Vielfalt an kosmetischen Produkten auf dem Markt. Hier möchte ich aufzeigen, was bei der Anwendung kosmetischer Produkte auf der Haut und im Hautmikrobiom geschieht.

Abbildung 1: Bereiche des menschlichen Körpers entsprechend dem Hautstatus nach Grice et al (2). Ich verwende hier die allgemeine Farbkodierung verwendet. Blau = ölig, grün = feucht, rosa = trocken. Fettige Hautareale befinden sich im oberen Drittel des Körpers, es sind auch Bereiche, die oft behaart sind, z. B. der Kopf. Feuchte Stellen befinden sich in Hautfalten, z. B. in der Achselhöhle oder dort, wo sich viele Schweißdrüsen befinden, wie an den Handflächen und Fußsohlen. Die anderen Bereiche gelten als trocken, insbesondere die Extremitäten. Je nach Hautzustand überwiegen unterschiedliche Bakterien. Propionibakterien (heute Cutibakterien) sind in den meisten Bereichen vorherrschend, aber in den feuchten Bereichen dominieren Corynebakterien und Staphylokokken. Pilze, z. B. Melassezia-Arten, spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Homöostase des Hautmikrobioms (3).

Beispiele für Behandlungen, die sich auf das Hautmikrobiom auswirken

Wenn wir unser Hautmikrobiom im Gleichgewicht halten wollen, stellt sich zunächst die Frage, ob wir die richtige Menge an Hautpflege und -reinigung verwenden. In der Regel „behandeln“ wir unsere Haut auf viele verschiedene Arten:

  • Heißes Wasser
  • Chemikalien
  • Verschiebung des pH-Werts
  • Mechanische Belastung
  • Okklusive Produkte
  • Umwelteinflüsse
  • Kleidungsstücke
  • Wäsche (Waschmittel können Enzyme enthalten, Weichspüler enthalten kationische Substanzen)

Diese „Routinen“ in der Hautpflege reichen von mehrmals am Tag bis hin zu einmal im Monat oder noch seltener.

In vielen Fällen sind auch die Pflegeroutinen überdosiert (4). Und viele der verwendeten Produkte verbleiben länger auf der Haut als erwartet. Die Wechselwirkungen zwischen diesen Stoffen und dem Mikrobiom der Haut sind noch nicht geklärt (5).

Dass kosmetische Produkte das Mikrobiom beeinflussen, lässt sich für Antitranspirantien leicht nachweisen. Die Verwendung von Antitranspirantien wirkt sich erheblich auf die Zusammensetzung des Mikrobioms und folglich auf den Achselgeruch aus (6). Corynebakterien werden zugunsten von Staphylokokken vermindert. Dies wirkt sich nur auf die Geruchsstoffe aus, die von Corynebakterien produziert werden, nicht aber auf die, die von anderen Bakterien produziert werden, und beseitigt daher den Körpergeruch nicht vollständig (6, 7).

Außerdem können Produkte wie Anti-Schuppen-Shampoos schädliche Auswirkungen auf die Haut haben: Bei Schuppen handelt es sich um mehr als nur eine vermehrte Anzahl von Malassezia-Arten (8). Wenn die Talgdrüsen viel Talg produzieren (wie bei pubertierenden Männern), dann ist es das Cutibacterium, das diese Fettsäureester abbaut. Erst dann kann der Pilz Malassezia die freien Fettsäuren als Nahrung nutzen. Werden sie entfernt, ist ein anderer Keim, nämlich Staphylococcus, im Vorteil. Die ideale Strategie sollte also darin bestehen, Cutibacteria einen Vorteil zu verschaffen (9).

Ein weiteres Beispiel sind Handhygieneprodukte: Es ist bemerkenswert, dass sich die meisten Vorschriften und Empfehlungen zur Händehygiene auf den Aspekt der Hygiene (10) als einen Akt der Reinigung konzentrieren, wobei die Verringerung der mikrobiellen Belastung im Vordergrund steht und nicht die Verringerung der Übertragung von Infektionen. Ich habe keine Arbeiten gefunden, in denen die Auswirkungen der wiederholten Anwendung von Desinfektionsmitteln auf das Mikrobiom untersucht wurden (11).

Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen: Viele kosmetische Behandlungen verändern die mikrobiologische Zusammensetzung der Haut und begünstigen Staphylokokken.

Strategien zur Behandlung eines dysbalancierten Mikrobioms

Obwohl einige pathologische Hautzustände mit bestimmten Bakterien korreliert werden können, wurde bisher kein allgemeiner Ansatz gefunden, um diese Zustände über die mikrobiologische Zusammensetzung zu behandeln, sondern lediglich über die Kontrolle von S. aureus (12, 13).

Abbildung 2: Korrelation von Pilzen, Milben und Bakterien mit bestimmten Hautzuständen. Es ist zu beachten, dass eine Korrelation nicht unbedingt bedeutet, dass diese Spezies der treibende Faktor der Krankheit ist (13)!!

Am wirksamsten bei <Hauterkrankungen ist nach wie vor die Spa-Behandlung, die aufgrund der im Thermalwasser lebenden thermophilen Bakterien funktioniert (14). Daher wäre eine bakterielle Behandlung (als Probiotika bezeichnet) ideal, ist aber aufgrund vieler kosmetischer Vorschriften, die eine CFU (Koloniebildende Einheiten) von unter 1000/g in Fertigprodukten vorschreiben, nicht zulässig. Dennoch macht sich der Markt die Verwechslung von Pro- und Präbiotika zunutze und verwendet bakterielle Filtrate, Zelllysate, Fermentationsprodukte oder Enzyme, die von Bakterien oder Phagen (Viren, die auf Bakterien leben) stammen (15). Unter den zahlreichen Unternehmen (z.B. Micreos, Belano) auf dem Markt ist L’Oréal eines der aktivsten und behauptet sogar, „das Mikrobiom-Unternehmen” zu sein (16). Doch auch ein medizinischer Ansatz wird von der Firma „mother dirt” und der Serie AOBiome (Ammoniak oxidierende Bakterien) verfolgt. Diese Firma leistet Pionierarbeit, indem sie ihr lebendes Bakterium Nitrosomonas eutropha D23 einer klinischen Studie unterzieht und ermutigende Wirkungen bei der Behandlung ekzematischer Haut sieht (17).

Es heißt jedoch, dass die beste Behandlung für eine gesunde Haut darin besteht, das Mikrobiom in Ruhe zu lassen.

Zukünftige Aspekte

Auch wenn wir immer noch nicht im Detail wissen, was unsere Kosmetika wirklich auf der Hautoberfläche bewirken, werden Anstrengungen unternommen, um die Gesamtwirkung auf das Mikrobiom zu messen.  Das nennt man „Mikrobiom freundlich” (18). Und Start-up-Unternehmen sind eifrig dabei, diese Zertifizierung zu nutzen und ihre Produkte zu bewerben (19). Wenn Ihr Euch die Zusammensetzung genauer anseht, werdet Ihr feststellen, dass sie einem minimalistischen Ansatz folgen. Denn oft ist die beste Behandlung keine Behandlung. Im Sinne der Nachhaltigkeit würde dies bedeuten, das System so weit wie möglich sich selbst zu überlassen.

Literatur

(1) Lanzendörfer-Yu G, https://corneotherapy.org/articles/cosmetic-skin-types-a-myth-or-chaos
(2) Grice EA, Segre JA, The skin microbiome. Nat Rev Microbiol (2011) 9(4): 244-253. doi: 10.1038/nrmicro2537
(3) Lanzendörfer-Yu G, https://corneotherapy.org/articles/the-skin-microbiome
(4) Lautenschläger H, Minimalism in Cosmetics – can less also be more? 7th Symposium on Corneotherapy (2022)
(5) Bouslimani, A., da Silva, R., Kosciolek, T. et al. The impact of skin care products on skin chemistry and microbiome dynamics. BMC Biol 17, 47 (2019). https://doi.org/10.1186/s12915-019-0660-6 (6) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25653852/
(6) Urban J, Fergus DJ, Savage AM, Ehlers M, Menninger HL, Dunn RR, Horvath JE, The effect of habitual and experimental antiperspirant and deodorant product use on the armpit microbiome. PeerJ (2016), 4:e1605.doi:10.7717/peerj.1605
(7) Troccaz M, Gaïa N, Beccucci S, Schrenzel J, Cayeux I, Starkenmann C, Larzarevic V, Mapping axillary microbiota responsible for body odours using a culture-independent approach. Microbiome. (2015) 3(1): 3. doi:10.1186/s40168-014-0064-3.
(8) Grimshaw SG, Smith AM, Arnold DS, Xu E, Hoptroff M, et al. (2019) The diversity and abundance of fungi and bacteria on the healthy and dandruff affected human scalp. PLOS ONE 14(12): e0225796. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225796
(9) Saxena, R., Mittal, P., Clavaud, C. et al. Longitudinal study of the scalp microbiome suggests coconut oil to enrich healthy scalp commensals. Sci Rep 11, 7220 (2021). https://doi.org/10.1038/s41598-021-86454-1
(10) Vandegrift, R., Bateman, A.C., Siemens, K.N. et al. Cleanliness in context: reconciling hygiene with a modern microbial perspective. Microbiome 5, 76 (2017). https://doi.org/10.1186/s40168-017-0294-2
(11) Edmonds-Wilson S, Nurinova N, Zapka C, Fierer N, Wilson M, Review of Human Hand Microbiome Research, Journal of dermatological science (2015), 10.1016/j.jdermsci.2015.07.006 https://www.researchgate.net/publication/281174180_Review_of_Human_Hand_Microbiome_Research
(12) Sfriso R, Egert M, Gempeler M, Voegeli R, Campiche R. Revealing the secret life of skin – with the microbiome you never walk alone. Int J Cosmet Sci. 2020;42(2):116-126. doi:10.1111/ics.12594
(13) Boxberger, M., Cenizo, V., Cassir, N. et al. Challenges in exploring and manipulating the human skin microbiome. Microbiome 9, 125 (2021). https://doi.org/10.1186/s40168-021-01062-5
(14) https://dejayu.de/mit-dreck-heilen-was-mit-schlamm-so-alles-geht/
(15) https://dejayu.de/viren-gegen-akne-wie-phagen-die-hautpflege-revolutionieren-koennen/
(16) Mahe YF, Perez MJ, Tacheau C, et al. A new Vitreoscilla filiformis extract grown on spa water-enriched medium activates endogenous cutaneous antioxidant and antimicrobial defenses through a potential Toll-like receptor 2/protein kinase C, zeta transduction pathway. Clin Cosmet Investig Dermatol. 2013;6:191-196. Published 2013 Aug 30. doi:10.2147/CCID.S47324  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3770492/
(17) https://www.cosmeticsandtoiletries.com/research/literature-data/news/22081191/aobiome-mother-dirt-aobiomes-topical-b244-yields-pivotal-phase-2b-results-for-pruritus-eczema
(18) https://www.mymicrobiome.info/mymicrobiome-standard-testing-products-microbiome-friendly.html
(19) https://www.cosmeticsandtoiletries.com/formulas-products/skin-care/video/21847500/video-cosmetics-rd-vlog-microbiome-friendly-certified-skin-care

Bildnachweise

Titelbild: Birth of Venus https://www.1zoom.me/es/wallpaper/499614/z17433.3/3840×2400 freier Download
Abbildung 1 und 2: eigene Werke, verwendbar unter der Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0

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