Lanolin ist der Rohstoff, der einst die Entstehung der modernen Kosmetik begründete. Aber durch die Globalisierung – Wolle wird fast ausschließlich in China verarbeitet – und dem Einzug von synthetischen Stoffen in unsere Kleidung, gibt es diesen Rohstoff (fast) nicht mehr. Natürlich kann man noch Lanolin kaufen, aber der Einsatz in der Kosmetik ist begrenzt.
Wenn man Opfer seines eigenen Wunschdenkens wird …
Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich im April 2025 in Veere, NL im Atelier de Schapekop für etwas über 20€ einen Tiegel reines Wollfett erstehen konnte. Im Internet kostet das Produkt 16,50€ . Es riecht entgegen meiner Erwartung nur sehr dezent nach Schaf und hat eine ockergelbe Farbe. Es kommt von biologisch gehaltenen Schafen von der Insel Texel! Mein Herz jubelte: Sollte es tatsächlich noch eine lokale Lanolin Produktion geben? Die Niederlande sind zudem überzogen von Verkaufspunkten für Noordkroon Produkte und auch und Westdeutschland finden sich einige.

Vom Schaf, der Wolle und den Inseln im Wattenmeer
Die Schafhaltung gehört zu den ältesten Formen der Viehwirtschaft in Europa und prägt seit Jahrtausenden Landschaft, Ernährung und Kultur. Seit der Jungsteinzeit werden Schafe in Europa gehalten und lieferten Wolle, Milch, Fleisch und Leder. Die Produktion von Wolle und Wollstoffen nahm im Mittelalter industrielle Züge an und brachte Regionen wie England, Flandern und Spanien zum prosperieren. Dabei beeinflusste und beförderte die Wanderschäferei vielerorts offene Kulturlandschaften und Heidelandschaften https://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%A4ferei . Auf der Insel Texel (und in anderen Küstenbereichen) werden Schafe heute zur Pflege von Hochwasserschutzbauten vulgo Deichen eingesetzt und erfüllen damit eine wichtige ökologische Funktion. Die Produktion von Wolle hat nur noch eine untergeordnete Rolle. Schäferinnen verschenken häufig das Vlies nach der Schur, da die Aufarbeitung zu Garnen unverhältnismäßig teuer ist.
„Onze producten bevatten biologisch wolvet uit Patagonië, Argentinië. We hebben hier bewust voor gekozen: er is in Europa geen wolwasserij die wolvet opvangt voor gebruik in verzorgingsproducten. Het wolvet dat we gebruiken is het enige wolvet ter wereld dat biologisch is en een duidelijke herkomst heeft. Dankzij deze transparantie weten we zeker dat de schapen goed worden verzorgd en dat het wolvet puur en van hoge kwaliteit is.“
Aussage von Noordkroon zur Herkunft ihrs Wollfetts
Warum wir kaum noch Lanolin in Kosmetik finden
Lanolin kommt vom Schaf, bzw von seiner Wolle. Tiere werden für seine Gewinnung zwar nicht getötet (dennoch steht die Schafschur bei Tierschützerinnen in der Kritik), Lanolin ist ein tierischer Rohstoff und für viele Einsatzgebiete somit nicht mehr geeignet. Zum anderen – und das finde ich persönlich viel perverser – werden die Schafe mit Pestiziden behandelt, damit sich kein Ungeziefer einnistet. Diese Rückstände werden natürlich mit dem Wollfett ausgewaschen und müssen aufwendig entfernt werden.
Vor einigen Jahren noch durfte zudem in Europa nur australisches Lanolin eingesetzt werden, da in Europa neben den Rindern auch Schafe von dem Rinderwahnsinn befallen waren. Offenbar hat sich die Lage aber wieder entspannt.
Lanolin (adeps lanae) ist essentiell für die Apothekengrundlage Eucerinum Anhydricum; diese besteht sogar zur Hälfte daraus. Lanolin Alcohol ist auch der Emulgator in der Nivea Creme, deren Rezeptur unverändert beibehalten wurde. Dieses Jahr ist eine „nachhaltige“ Variante auf den Markt gekommen.
Ester (ca. 95-96%): Zusammengesetzt aus Fettsäuren (vorwiegend langkettig, C10 bis C26 , (Hydroxyfettsäuren) und Alkoholen (1-wertige n-Alkohole C18 bis C30, Diole, Cholesterin, Lanosterin).
Freie Alkohole (ca. 2-12%): Insbesondere Cholesterin und Lanosterin.
Freie Fettsäuren (ca. 0,5–1%): Geringer Anteil, Säurezahl < 1.
Kohlenwasserstoffe (ca. 1–2%): langkettige und Methyl-verzweigte Alkane C12-C33
In den Arzneibüchern dieser Welt ist Lanolin eindeutig spezifiziert, es besitzt eine wachsige Konsistenz und hellgelbe Farbe. Besonders die Pestizidrückstände sind reglementiert und in der Europäischen Pharmakopöe unter 1ppm gefordert (= Nachweisgrenze).

Wirkung von Lanolin auf der Haut
Das Wollwachs schützt nicht nur das Schaf(fell) vor Nässe und verlieh den Spinnerinnen weiche Hände, als Lanolin ist es eine ganz wichtige Hautschutzkomponente. Es wird als (Co-)Emulgator verwendet oder als Dispergierhilfe in Lippenstiften und grundsätzlich in allen Produkten, die gute Verträglichkeit und Wirksamkeit vereinen sollen: in der Panthenol-haltigen Augensalbe also genauso wie in der Baby-Poschutzcreme. Dabei beruht seine exzellente Wirksamkeit auf der Haut darin, dass es nicht nur eine gute Sperrschicht gegen Wasser bildet, sondern Wasser selbst auch binden kann. Eine gute Kompatibilität mit den Lipiden des stratum corneums wird Lanolin zusätzlich nachgesagt und es daher als biomimetisch beworben. Als Resultat bleibt die Haut lange geschmeidig und gepflegt, sensible Bereiche am Auge und an Schleimhäuten werden nicht ausgetrocknet. Lediglich seine Fettigkeit kann als unangenehm empfunden werden.
Lanolin und Allergien
Nichts hält sich so hartnäckig wie ein schlechter Ruf. Lanolin geriet in den 50iger Jahren des vorherigen Jahrhunderts in den Verdacht, ein Allergen zu sein. Man vermutet heute, dass Daten von (Patch-)Tests falsch interpretiert wurden. Aber in den 70iger Jahren wurde sogar eine Kennzeichnungspflicht für Produkte, die Lanolin enthielten, gefordert. Betrachtet man die vielen Studien, die seinerzeit zu Lanolin gemacht wurden, so dürfen einem Zweifel über die Relevanz kommen (siehe auch http://www.lanolin.de/neu/deutsch/allergy.php). In der Veröffentlichung „The Lanolin Book“ der Firma Beiersdorf von 1999 wird dieses Thema unter vielen Aspekten beleuchtet und vermutet, dass möglicherweise überalterte Testpflaster verwendet wurden (Lanolin kann aufgrund der enthaltenen ungesättigten Verbindungen oxidieren und dann Reizungen hervorrufen). Bekannt ist zudem, dass die Reduktion des Lanolinalkohol-Gehaltes (der übrigens mit der drastischen Reduktion der Pestizide einhergeht) die „Allergie-Rate“ dramatisch senkt.

Die Zukunft von Lanolin
Betrachtet man also diesen Alleskönner Lanolin, müsste er eigentlich viel mehr verwendet werden! Doch es sieht düster aus: Die Nachfrage nach Wolle und damit ihre Produktion gehen schon seit Jahrzehnten stetig zurück. Das liegt im Wesentlichen an billigeren Alternativen wie Baumwolle oder Kunstfasern als auch der vermeintlichen einfacheren Pflege der alternativen Gewebe.
Wolle macht weltweit nur noch 2% aller textilen Fasern aus. In Australien z.B. hat sich die Wollproduktion in den vergangenen 10 Jahren halbiert. Wer jetzt mitgerechnet hat, kann sich denken, was das für die Produktion von Wollwachs bedeutet. Je weniger Wolle produziert wird, desto weniger Wollwachs fällt beim Waschen an. Lanolin wird also ein ziemlich teurer Rohstoff sein (20 € für 100 ml sind echt kein Schnapper), wenn es ihn denn überhaupt noch zu kaufen gibt!
Doch zurück zu meinem Wunschdenken:
Auch dieses Lanolin stammt aus einer globalen Produktion. Diese Info fand ich sozusagen im Kleindgedruckten der Webseite. Meine Enttäuschung war groß. Aber hatte ich nicht selbst geglaubt?
Noordkroon versichert, dass das Lanolin selbst wenn es nicht von den Schafen von der Insel Texel kommt, so ist es doch bio-zertifiziert (siehe Zitat). Ein kleiner Trost, denn die guten Eigenschaften des Lanolins ändern sich mit der Herkunft nicht.
Fazit und Nachdenkliches
Wir Verwenderinnen, unsere Vorlieben und Abneigungen bestimmen, welche Rohstoffe es in Zukunft geben wird, wo und wie sie produziert werden. Gleichzeitig muss sich auch vieles ändern in der Tierhaltung, wobei die Schafhaltung dabei noch relativ natürlich ist, wenn man sich die Bedingungen in Europa ansieht. Und das Beweiden sensibler Flächen mit Schafen hat eine wichtige Funktion. Es wird also auch weiterhin Schafe und Wolle geben. Produkte, die daraus hergestellt werden, sind teurer als Klamotten aus der Massenproduktion. Aber ein guter Wollpullover hält ein Leben lang, falls keine Motten kommen. Eine gute Pflege und Aufbewahrung von Kleidungsstücken ist also Voraussetzung. Und jeder Wollpulli ist ein Schritt weg von der Erdöl verarbeitenden Industrie und somit auch weg von Mikroplastik.

